Startseite Bücher Lesen über Postkarten Die Geschichte der ersten Postkarte von Istanbul: Gruss aus Konstantinopel in die Schweiz

Login

Anmelden oder registrieren

Facebook Like

Die Geschichte der ersten Postkarte von Istanbul: Gruss aus Konstantinopel in die Schweiz PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Lars   
Freitag, den 04. März 2016 um 23:52 Uhr
Übersetzung einer kurzen Geschichte von Mert Sandalci in „The Postcards of Max Fruchtermann“.

 


Postkarte Max Fruchtermann, 1895 – Bildseite

Ein Bilderrahmen-Laden in Yüksekkaldırım …
Ein 43-Jähriger mit einem buschigen Schnauz blickt gedankenverloren auf die Postkarten in seinen Händen und erinnert sich:
Wie er im eisigen Norden aufgebrochen ist …
Wie er ständig fröstelte während seiner ersten Tage in Istanbul …
Wie er das erste Mal den Galataturm bestieg, nachdem er die Brandwache überredet hatte …

Istanbul von oben …

Seine Jugendtage, als er Yüksekkaldırım hinauf- und hinunterwuselte …
Einen nach den anderen lässt er sie alle frei …

Dann – nochmals;
sein Tagtraum wird im Geiste lebendig:
Ein Laden in der Grande rue … im Schaufenster einer dieser schmiedeeisernen Postkartenhalter, von denen der Preußische Botschafter nicht mehr aufhörte zu erzählen, seitdem er sie in Paris gesehen hat … Postkarte an Postkarte …

Seine Nachbarn: Der Maler Verano, der Hutmacher Turmanow, der Buchhändler Vlastos, der Schuster Daffos, der Schreiner Bellis … ein jeder hatte eine andere Meinung über Postkarten …

Seine Gedanken rasen …
Sein Blick streift die Feder und das Tintenfass …
Vor Aufregung zitternd führt er sie zusammen …

Und die ersten Worte fließen über blaues Florpostpapier;
Druckerei Emil Pinkau, Breslau …

Sehr geehrte Herren …
Genau in diesem Moment,
entschließt er sich, die ersten Postkarten von Istanbul und des Osmanischen Reichs zu drucken …
Die Ersten lithographisch graviert in der Druckerei Emil Pinkau in Breslau:
Seraglio-Punkt, Galatabrücke, Dolmabahçe-Palast, Galataturm, Sultan-Ahmed-Moschee, Arnavutköy, Kuzguncuk, Gepäckträger,  Wasserträger, Derwische, Fischer …

28. Dezember 1895

An einem Tag, als die Kälte durch alle Glieder fuhr, heuert der Mann mit dem buschigen Schnauz ein paar Träger an, um die Pakete, die auf seinen Namen am Zoll in Sirkeci eingetroffen sind, zu seinem Laden in Yüksekkaldırım zu befördern. Er ist ungeduldig. Er reißt die Pakete auf und beginnt, die Postkarten eine nach der anderen im schmiedeeisernen Halter, den Meister Vahan für ihn gefertigt hat, zu arrangieren …

Zufällig kommt ein Mann vorbei, den Kragen seines Kamelhaarmantels aufgestellt. Er bemerkt die Postkarten im Schaufenster und tritt ein, um sie genauer anzuschauen.

„Wenn ich noch heute eine abschicke,“ grübelt er, „ob die wohl noch in der Schweiz ankommt vor Neujahr?“
Er entschliesst sich, es auszuprobieren.

Schon auf den ersten Blick hat er sich entschieden, welche Karte er kaufen möchte, aber er kann nicht widerstehen, alle Karten einzeln durchzusehen. Am Schluss legt er eine Ein-Kuruş-Mecidiye-Münze auf den Tresen, steckt sorgfältig eine Postkarte mit der Galatabrücke, welche er kurz zuvor überquert hat, in seine kleine Lederbrieftasche, dankt dem Angestellten und eilt nach Galata zum österreichischen Postamt in der Kara-Mustafa-Straße davon.

Sogleich nachdem der Mann mit dem Kamelhaarmantel durch die Tür raus war, klaubt Paul Sucanov, ein Angestellter des österreichischen Postamts, die Postkarte aus dem Korb mit den Briefen zum Stempeln. Er eilt zum Büro des Postamtsleiters Karl Jeglinger und klopft an dessen Tür.

In Kürze haben sich Klezl, Reinalter, Falconetti, Tedeschi, Gandolfi, Winter, fast alle Angestellten im Büro von Leiter Jeglinger versammelt – ein jeder betrachtet die Postkarte neugierig …

„Der Rahmer in Yüksekkaldırım hat die gedruckt!“ ruft der Vize Gösti aus. Einige erachten den Mann mit dem buschigen Schnauz als genial, andere erachten ihn als komplett durchgeknallt.

Aber was soll’s …
An diesem Abend ist die erste osmanische Postkarte im Postwagen des Orientexpress auf ihrem Weg nach Neuchâtel …

31. Dezember 1895

Postkarte Max Fruchtermann, 1895 – AdressseiteApotheker Fritz Jordan erhebt sich, als die winzige Glocke an der Tür seines hundertjährigen Ladens klingelt. Es ist der Briefträger, und er hat eine Postkarte gebracht, die Jordans Sohn, Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in Istanbul, geschickt hat. Als der Apotheker nach Hause kommt, die größte Neujahrsüberraschung in seiner Hand, umarmt er seine Frau … Die Freunde, die an diesem Abend bei Jordans zusammengekommen sind, blicken staunend auf die Szene aus Istanbul: Galataturm, die Brücke, die Segelboote.

Am Schluss des Abends setzt sich Fritz der Apotheker hin, nimm ein Vergrößerungsglas aus der Schublade seines Pults und prüft die Postkarte immer wieder, dreht sie zum Licht. Dann führt er das Glas noch etwas näher zu seinen Augen und liest …
Max Fruchtermann, Editeure, Constantinople …

Zur gleichen Zeit ist der Mann mit buschigen Schnauz, unter dem Einfluss von mehreren Maß, die er bei Yanni leerte, in einen Bierschlummer abgedriftet … Er ist glücklich …  In seinem Traum hängt er ein Schild an seinen neuen Laden … ein Lachen erstreckt sich über sein Gesicht. Nach getaner Arbeit tritt er ein wenig zurück und liest das Schild immer wieder.

„Max Fruchtermann, Grande rue de Péra  …“

Er ist jetzt der Herausgeber der ersten Postkarten des großen Osmanischen Reichs!


Aus Mert Sandalci: The Postcards of Max Fruchtermann. Band 1, Istanbul 2000, Introduction, S. IX–XI

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 08. Februar 2017 um 21:04 Uhr
 
Banner
Copyright © 2017 Langweilige-Postkarten.ch. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.